Felix Draeseke: Sammlung Heinz Ebert [Band I; Seiten 165-166]

Felix Draesekes geschichtliche Sendung
von Hermann Stephani

Sonntag, den 11. Oktober 1942

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  Hermann Stephani: Felix Draesekes geschichtliche Sendung (1942)  
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Felix Draesekes geschichtliche Sendung
von Hermann Stephani

Sonntag, den 11. Oktober 1942

"Ich habe den Zeitaltern gegenüber das musikalische Gesetz der Gegenbewegung durchgeführt zu meinen Unkosten". — Mit diesen Worten hat Felix Draeseke angedeutet, wie es kam, daß er, Antisemit freilich von reinster Prägung, zu seinen doch langen Lebzeiten immer der große Einsame und Unzeitgemäße blieb, obwohl in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kein Schaffender an Vielseitigkeit ihm gleichkam, die geistliche Tonkunst der Jahrhundertwende in ihm sogar ihren Gipfel erreichte.

Sein letztes Lebensjahr schien die große Wende herbeizuführen. Bruno Kittel brachte 1912 die Oratorien-Trilogie mit Vorspiel "Christus" in Berlin und in Dresden erstmals zum Gesamterklingen; zwingend wirkte die innere Größe des Riesehwerkes, überwältigend die Chorgipfelungen; das Eis schien gebrochen. Die Berliner Universität ehrte den Meister durch die Verleihung des Ehrendoktors, sein letztes Musikdrama "Merlin" machte sich den Weg zur Bühne frei: es schien aufwärts zu gehen.

Felix DraesekeDa kam der erste Weltkrieg. Sein Ende ließ die Mehrzahl der Deutschen in seelischer Zermürbung und Zerrüttung zurück; artfremde Kunst fand den Nährboden für giftige Wucherungen. Gleichwohl begann zumal von der "Tragischen Symphonie" eine geheime Anziehungskraft auszugehen; seit der Mitte der 20er Jahre wurde eine erneute Besinnung auf des Meisters Erbe spürbar. Während aber die Musikwissenschaft dem Werden der Tonkunst aller Zeiten Fund Völker mit Bienenfleiß nachspürte, blieb sie einer der charaktervolisten Persönlichkeiten der Musikgeschichte, Felix Draeseke, gegenüber ebenso hilflos, wie um 1900 noch Anton Bruckner. Erst mit Erich Roeders zündend geschriebener Draeseke- Biographie (Limpert, 1930) beginnt auch seitens des Schrifttums die grundlegende Auseinandersetzung mit der "umstrittensten Erscheinung der neueren Musikgeschichte" (Batka); eine Felix-Draeseke-Gesellschaft wird ins Legen gerufen, und die Draeseke-Feste in Koburg, Dresden und auf Schloß Burg rücken in das Bewußtseins auch weiterer Kreise die Frage: Welches ist des am 7. Oktober 1835 Geborenen geschichtliche Sendung?

Felix Draesekes Vorfahren entstammten schlesischem Uradel. Sein Großvater war jener Generalsuperintendent Bernhard Draeseke, der, einer der geistigen Führer Preußens zur Zeit schauungen völlig zur Reife. "Die höchst uneigennützige, selbstlose, menschenliebende Persönlichkeit" Wagners ist es, der er "die Rückleitung auf den natürlichen Weg" zu danken bekennt.

Schon der weder gedruckte, noch je aufgeführte "Frithjof" (1862-65), eine symphonische Dichtung in Form eines Großrondos, dazu die Klaviersonate, "eine gewaltige Heldendichtung" (Walther Niemann), deren Trauermarsch er bereits um die Mitte der 60er Jahre in Form einer Ciaconna anlegt, und die noch der greise Liszt als den Gipfel der Sonatenkunst nach Schumann preist — noch mehr aber die Studien in abstrakter kontrapunktischer Satzkunst, in die sich der 34jährige verwühlt, geben von der Tiefe seines Wandels erstes Zeugnis.

"Ich kann freilich die Empfindung nicht abwehren", erzählt Draeseke, "daß Liszt mich gern ins Unabsehbare als ultraradikalen Vorspann benutzt hätte". Draeseke war als Mensch wie als Künstler inzwischen gereift; sein Blick in das Wesen der Musik hatte sich so vertieft, daß er nunmehr den Weisungen seiner eigemein Natur vertrauen durfte.

Galt dem Jüngling rücksichstloser Wahrheitsausdruck auch in der Kunst als sittliche Pflicht — der Mann bezwingt sein störrisches "Neudeutschtum", ringt ,sieh die Anerkenntnis einer Eigengesetzlichkeit reiner Musikarchitektur ab und beginnt in eiserner Selbstzucht einer gleichgewichtigen Pflege beider ' zuzustreben. In zwei Symphonien in G und F macht er sich frei von den bisherigen außermusikalischen Bestimmungslinien seines Schaffens, und nun vermag er in seiner "Tragischen Symphonie" in C (1886) die beiden bisher getrennt nebeneinanderlaufenden Ströme programmatischer und eigenständiger Musik in ein gemeinsames Bett zu leiten und zur Einheit zu verscmelzen. In diese Schöpfungen in F und C sind so gegenwartsnahe Kräfte gebannt, daß auf dem Dresdener Draeseke-Fest Raabe und Böhm sie zu mitreißender Glut zu entzünden vermochten.

Dem seit 1876 in Dresden ansässig Gewordenen, der prächtige Streichquartette, Quintette (köstlich das mit Horn), große A-cappella-Werke schreibt, reifen nun auch Opernpläne. Dichter­komponist wie Peter Cornelius, der vor zu weitgehender Unterordnung des Bühnengesanges unter das symphonisch behandelte Orchester gewarnt hatte, schafft Draeseke in Cornelius' Bahnen tlle Musik- und Gesangsoper "Herrat" und "Gudrun" sowie das kammermusikalisch intime Lustspiel "Fischer und Chalif", ordnet jedoch in dem nie auf die Bühne gelangten "Bertran de Born" (1892-94) und in der symbolschweren Altersschöpfung "Merlin" (1904-6) die sich in leitmotivischer Symphonik aufbauende Musik dem dramatischen Geschehen unter.

Zur Jahrhundertwende aber liegt abgeschlossen vor die Oratorien-Trilogie mit Vorspiel "Christus". Erhebt der durchaus gewahrte Abstand von volkstümlicher Haltung Draesekes Mysterium vollends ins Ungemeine, so bietet die Strenge rund unerhörte Kühnheit der hier getürmten Chorblöcke nun einer Einordnung von Draesekes Lobensleistung
geschichtliche Gesamtgescheiten wohl den geeigneten Ausgangspunkt.

Will man nämlich den Begriff eines Neubarocks für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts aufrechterhalten, läßt man ihn etwa mit Wagners "Meistersingern" in Erscheinung treten und zu Bruckners letzten symphonischen Klangballungen führen, so würde er auf geistlichem Gebiete seine volle Ausprägung erreichen in Draesekes Chorpyramiden, wie sie ‚jenseits aller naturalistischen und impressionistischen Zeitstrüntungen aufragen. lieber Brahms hinausgreifend, sprechen, zu letzter Reife gelangt, der Oberdeutsche Bruckner wie der Niederdeutsche Draeseke nicht Mehr als Ich- und Nervenmenschen in subjektiven Kundgebungen, sondern, heutigem Empfinden erste Bahnen weisend, bereits wieder als Vertreter von Gesamtheitserlebnissen: Bruckner naiv-elementar, Draeseke geistig-reflektierend. Die große Wende aber zur Ueberwindung der 150 Jahre homophoner Grundhaltung von der Frühklassik an bis zur Spätromantik hin durchieine erneute Betonung polyphonen Geschehens ist, nächst den Auswirkungen der "Meistersinger", in einen noch nicht gewürdigten Grade in der Tat bereits in den Chorwundern des "Christus" eingetreten, bevor Max Reger den Kampf auf der Ebene seiner differenzierteren Harmonik erneut aufnahm und zum Austrag brachte.

So ist es denn in einer Zeit, wo platter Naturalismus Trümpfe künstlerischer Rohheit und triefender Sentimentalität ausspielte, der Impressionismus aber Orgien sinnlicher Nervenreize feierte bis zu krankhafter Sensitivität — in der vordersten Linie, neben Johannes Brahms, Felix Draeseke gewesen, der der Epoche raffinierter Klangsinnlichkeit das erste Grundwasser abgrub Nicht erst 1907 in seiner Kampfschrift verlieh er seiner Aufrichtigkeit rücksichtslosen Nachdruck — schon in seiner mittleren Schaffenszeit scheute er klangliche Sprödigkeit nicht, wo es a?m seelische Wahder Freiheitskriege, glühender Verfechter von Freiheit und Recht und Vorkämpfer für Deutschlands Wiedergeburt. in der Restaurationszeit von dem ängstlich besorgten Bundesrat mit Schweigegebot belohnt ward; seiner Mutter Vater entstammt altem Thüringer Adel. Der Enkel nun, Felix August Bernhard Draeseke, erblickte als Sohn de; Koburger Hofpredigers Theodor Draeseke das Licht der Welt. Mozart-Erlebnisse, insbesondere Operneindrücke in seiner Geburtsstadt, graben sieh tief in die Seele des Kindes ein, So. sind es religiöse auf der einen, dramatische Eindrücke auf der anderen Seite, die zu starken Hebeln seiner inneren Entwicklung werden.

Gudrun score

Er ringt dem Vater die Erlaubnis einer Ausbildung in Musik ab. Die geistige Enge des zu Mendelssohnscher Glätte und Eleganz erzogenen Leipziger Musiklebens, die lähmende Ideenlosigkeit des dortigen Konservatoriums­betriebes stößt ihn ab. Eine Welt neuer Gesichte aber eröffnen ihm Franz Liszts Weimarer Taten, insbesondere dessen Wagner-Pflege, und der hinreißende Zukunftsglaube der "Neudeutschen" wird sein Bekenntnis. Zahlreiche Jugendwerke, darunter eine 1 1/2 stündige Symphonie in C, fallen vor seiner Selbstkritik, der Vernichtung anheim; aber es reift — und noch vor Wagners "Siegfried" — 1853-55 die erste germanische Heckenoper, Draesekes "Sigurd". Liszt preist sie als "monumentales Werk" und will sie einstudieren — da füllt Cornelius' "Barbier von Bagdad" einer gegen Liszt gewobenen Intrige zum Opfer, dieser legt sein Amt nieder, und Weimars kaum begonnene zweite. Blüteperiode nimmt ein jähes Ende.

Der Recke aber, so nennen ihn seine Freunde, überbietet jetzt an Kühnheit alles, was fanatischer Fortschrittsdrang in Formung, Harmonik und Instrumentation nor irgend aufzubieten weiß, und sein kraftstrotzender furor teutonicus führt mit der Germania - Kantate (nach Kleist) und dem heißblütigen Germania-Marsch auf der Weimarer Ton­künstlerversammlung 1861 zur Katastrophe.

Draeseke beurteilt die Musik seiner Jünglingsjahre selbst als "männlich, kernhaft, stolz", zugleich fiber als "schroff, ja störrisch, bizarr und bombastisch übertrieben". Seinen Zeitgenossen ein "Schrecken der Menschheit" dünkend, legt er sich selbst eine freiwillige Verhaunung aus Deutschland auf. Er geht nach der Schweiz und wirkt hier als Musiklehrer. Diese 12 Jahre tiefer Vereinsamung führen den durch zunchmende Ertaubung der Welt immer mehr sich Entfremdenden nun zu einem gründlichen Sichbesinnen auf das Wesen seiner Kunst, und ein einjähriges Studium der Form?eherrschtheit des Südens bringt seine Anhaftigkeit ging. Eigenwüchsig urd in sich geschlossen, ein Vorbild geistiger Zucht und Männlichkeit, wußte er die Haltung eines herben Neubarocks zu verbinden mit idealistischer Klassik; bei alledem aber wahrte erden "künstlerischen Hauptgrundsatz, nirgends unsere Zeit zu verleugnen, sie vielmear zu musikalischem Ausdruck zu bringen reit freudigster Benutzung , der modernen Kunstmittel" — freilich unter unerbittlicher Abweisung aller an die ethische Substanz des Volkes greifenden Tendenzen, sei  es veristischer Verrohung, sei es impressionistischer Dekadenz. Seiner tingebrochenen Urkraft und rücksiohtlosen Selbstbezwingung ist es mit in vorderster Linie zu danken, daß der lebenglühende Ausdrucksstil der Neudeutschen, dessen kraftgenialisch überhobener Subjektivismus einst in dem Jüngling Draeseke sich selbst überschlagen hatte, zu beherrschter objektiver Haltung zurückgeführt und seelische Dynamik wieder his Gleichgewicht. gebracht wurde mit musikalischer Statik, mit den überpersönlich und überzeitlich gültigen Werten und Gestaltungskräften reiner Musikarchitektur. Der gleichen Sendung diente auch Brahms und dienten Kleinere. Bei keinem, seiner Zeitgenossen aber erwuchs sie einer auch nur annähernd so starken Gegenspannung der Grundkräfte wie bei Felix Draeseke.

 
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