Felix Draeseke: Concerto for Piano and Orchestra
in E-flat, op 36 (1885-6)

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Program notes prepared by Bernhard Lenort for a performance of Draeseke's Piano Concerto at the Staatstheater in Cottbus, February 2004.

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FELIX DRAESEKE – KLAVIERKONZERT OP. 36

Ein vergessener Komponist

Felix Draeseke schrieb über 120 Werke mit Opuszahlen, nahm als produktiver und einflussreicher Musikschriftsteller und Kritiker regen Anteil an den ästhetischen Diskussionen seiner Zeit, wurde in seinen späteren Lebensjahren hoch geehrt – und ist heute doch fast völlig vergessen. In jungen Jahren von Richard Wagner und Franz Liszt begeistert, ergriff er kämpferisch und kenntnisreich die Partei der Neudeutschen. Er warb mit grundlegenden Analysen und Betrachtungen für Liszts neuartige Gattung der sinfonischen Dichtung, war in dieser Hinsicht so etwas wie Liszts „Sprachrohr“, denn der selbst sehr wortgewaltige und schreibfreudige Komponist lobte Draesekes Erläuterungen als grundlegend.

The score to Draeseke's Piano Concerto in E-flat, op 36 is available on line; click to download a copyEin Bruch setzte nach 1861 ein. Auf dem Weimarer Tonkünstlerfest dieses Jahres hatte Draeseke seinen Germania-Marsch vorgestellt und einen Riesenskandal verursacht. Sein Anreger und Förderer Liszt ergriff demonstrativ applaudierend für das Werk Partei, doch nicht einmal Wagner mochte ihm darin folgen. Neben Liszt äußerte sich Hans von Bülow positiv, allerdings mit Einschränkungen. Er pries Draeseke als den radikalsten musikalischen Neuerer, als äußerste Linke, wie er in einem Brief schrieb.

Draeseke zog sich ab 1862 in die Schweiz zurück. Viele Jahre wirkte er als Klavierlehrer am Lausanner Konservatorium und komponierte in geringem Umfang weiter. Als Kritiker und Musikschriftsteller verfolgte er jedoch weiterhin aktiv das deutsche Musikleben. 1875 nahm er Wohnung in Genf. Im folgenden Jahr ließ er sich in Dresden nieder, wo er bis zu seinem Tod lebte. Dort hatte sein Lehrer Julius Rietz im Jahr 1873 Draesekes erste Sinfonie op. 12 uraufgeführt. Nun erhoffte sich der Komponist eine Berufung ans Königliche Konservatorium. Zwar sammelten sich bald Schüler um ihn, doch erst 1884 wurde er am Konservatorium Lehrer für Komposition, Harmonielehre und Kontrapunkt.

Draeseke schrieb Werke aller Gattungen, wobei die geistliche Musik seine eigentliche Domäne wurde, wie der Draeseke-Experte Helmut Loos meint. Von den vier Sinfonien errang die Symphonia tragica (1886) den größten und nachhaltigsten Erfolg, auch das Klavierkonzert erfreute sich großer Beliebtheit (Loos). Christus, das monumentale Mysterium in einem Vorspiel und drei Oratorien, brachte ihm neben dem Requiem h-Moll (1887-80) und der Großen Messe in fis-Moll (1890/91) breite Anerkennung ein. Christus, in seiner Vierteiligkeit deutlich an Wagners Der Ring des Nibelungen orientiert, wurde 1912 in Berlin uraufgeführt.

Die meisten Werke Draesekes entstanden erst während der Dresdner Jahre und auch äußere Anerkennung setzte spät ein. 1898 wurde er zum Hofrat, 1906 zum Geheimen Hofrat ernannt.
1912 verlieh ihm die Philosophische Fakultät der Universität Berlin die Würde eines Ehrendoktors als dem Wiederhersteller des alten Glanzes der deutschen Musik. Inzwischen hatte sich der einstige Top-Avantgardist nämlich zu einem Streiter wider die Neuerungen gewandelt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Musikleben erschütterten. Die Uraufführung von Richard Strauss‘ Oper Salome im Jahr 1905 hatte Draeseke zur Veröffentlichung einer Kampfschrift mit dem Titel Die Konfusion in der Musik veranlasst. Er, der einst sogar radikale Komponisten mit seinem Germania-Marsch ratlos gemacht hatte, wandte sich nun gegen „Verirrungen“ in der Musik und löste eine intensive Debatte aus – mit der Folge, sich mit all jenen restlos zu überwerfen, die nach neuen Entwicklungen der Musiksprache suchten, und von den „Bewahrern der Tradition“ auf den Schild gehoben zu werden. Hinzu kam, dass Draeseke nationalistische Ansichten vertrat.

Letztlich führte all das zur Vereinnahmung durch nationalistische Kräfte und schließlich den Nationalsozialismus. Als beispielhaft dafür wird immer wieder der national-pathetische Untertitel der bis heute grundlegenden Draeseke-Biographie des überzeugten Nationalsozialisten Erich Roeder genannt: Der Lebens- und Leidensweg eines deutschen Meisters. Die in dieser Wortwahl angedeutete Perspektive gibt Draesekes bewegtem Leben mit seinen Überspitzungen, Brüchen, Rückschlägen, Kehrtwendungen und späten Ehrungen einen Hauch von „faustischem Ringen“ und „Titanenkampf“. All dies ließ seine Leistungen verblassen und trug wohl erheblich dazu bei, ihn in Vergessenheit sinken zu lassen.

Seit den späten siebziger Jahren bemühen sich einige Musiker, Musikwissenschaftler und weitere Interessierte um eine differenzierte Sicht auf den Komponisten. 1986 gründeten sie die Internationale Draeseke Gesellschaft, der sich 1993 die International Draeseke Society/North America beigesellte. Informationen zu Arbeit und Ergebnissen finden sich im Internet unter www.draeseke.org.

Ad for the score of Draeseke's Piano Concerto - ca 1880. Click to download a complete copy of the score.

Das Klavierkonzert

Felix Draeseke schrieb sein gut halbstündiges Klavierkonzert im Wesentlichen 1885. Als Fertigstellungsdatum hielt er fest: 31. Januar 1886 (1. Satz), 3. Februar (2. Satz), 6. März (3. Satz). Bei der Uraufführung am 4. Juni 1886 im Hoftheater Sondershausen spielte Laura Rappoldi-Kahrer den Solopart, es dirigierte Karl Schröder (1848-1935), der seit 1881 Hofkapellmeister in Sondershausen war und später in Rotterdam, Berlin, Hamburg und Dresden wirkte. Die Sondershäuser Hofkapelle pflegte enge Beziehungen zu Franz Liszt in Weimar, der die Aufführungen seiner Werke durch das Orchester stets mit höchstem Lob bedachte. 1919, nach der Ausrufung der Republik, wurde der Klangkörper in Staatliches Loh-Orchester umbenannt.

Die Komponistin und Pianistin Laura Rappoldi, geb. Kahrer (1853-1925), war Schülerin unter anderem von Anton Bruckner (Komposition), Franz Liszt, Adolph von Henselt und Hans von Bülow. Sie galt als eine der herausragenden Pianistinnen ihrer Zeit. Nach 1886 trat sie nur noch in Dresden auf, wo sie am Konservatorium unterrichtete, wie Draeseke, der sie gut kannte. Frau Rappoldi hatte auch Draesekes Klaviersonate op. 6 im Repertoire, und eine Aufführung dieses Werks soll den Anstoß zur Komposition des Klavierkonzerts gegeben haben, das ihr gewidmet ist. Anscheinend beriet Draeseke sich mit ihr bei der Komposition des Werkes, das außerordentlich hohe technische Anforderungen an den Solisten stellt.
Für die Uraufführung hatte Draeseke zunächst den Komponisten und Pianisten Eugen d’Albert gewinnen wollen, der jedoch aus Zeitmangel ablehnte.

Draeseke entschied sich mit der dreisätzigen Anlage schnell-langsam-schnell für die traditionelle Konzertform, wie sie sich etwa bei Beethoven, in Schumanns Klavierkonzert op. 54 oder dem Klavierkonzert Nr. 1 von Frédéric Chopin findet – im Gegensatz etwa zu Liszts Klavierkonzerten oder dem wenige Jahre zuvor entstandenen Klavierkonzert Nr. 2 von Johannes Brahms. Allerdings bildet der zweite Satz schon von seiner Ausdehnung her den Schwerpunkt des Werks und hebt sich dadurch von der Tradition ab. Ungewöhnlich ist auch seine Gestaltung als Variationenfolge, in der Draeseke eine Vielzahl unterschiedlicher Stimmungen und Charaktere aufbaut, bei einer Entwicklungstendenz hin zum Hellen, Lichten, Verklärten.

Bei einer Einschätzung des Werks kommt dem Verhältnis von Klavier und Orchester besondere Bedeutung zu. Die Pole, zwischen denen sich die Komponisten von Instrumentalkonzerten im 19. Jahrhundert bewegten, waren zum einen das Virtuosenkonzert, zum anderen das sinfonische Konzert. Beim Virtuosenkonzert hatte das Orchester eine vorwiegend begleitende, unterstützende Funktion inne, während das Klavier eindeutig im Vordergrund stand. Diese Konzeption entsprach den Bedürfnissen des Publikums und aufführungspraktischen Erfordernissen: Die Zuschauer kamen ins Konzert, um den reisenden Virtuosen zu erleben, der effektvoll zu brillieren suchte. Nicht überall war ein großes Orchester aus guten Spielern verfügbar, es gab zumeist nur geringe Probenzeiten und zudem fanden die Auftritte oft an Orten statt, die einem großen Orchester gar keinen Platz boten, etwa einem Salon – genügend Gründe, den Orchestersatz einfach und möglichst variabel zu halten. Diese Konzerte schrieben die Virtuosen meist selbst, wobei sie eine substantielle Verbindung von Klavier- und Orchestersatz gar nicht anstrebten.

Eben diesen Verzicht kritisierten die Vertreter der „sinfonischen“ Richtung, wobei sie oft das Argument des „kompositorischen Unvermögens“ gebrauchten. Für sie zeichnete sich ein gutes Konzert dadurch aus, dass Klavier und Orchester in intensive Wechselwirkung traten. Die steigende Zahl fester Orchester mit spezialisierten Berufsmusikern, der zunehmende Bau von Konzertsälen und ein steigendes Bewusstsein von der Notwendigkeit intensiver Proben gewährten immer bessere Bedingungen für die Aufführung solcher Werke.

Das Sondershäuser Orchester hatte einen besonders guten Ruf, was die Qualität seiner Darbietungen anging: Max Bruch hatte es geleitet, Franz Liszt immer wieder gerne mit ihm konzertiert, und auch Max Reger zeigte sich 1890 bei seinem Aufenthalt in der Stadt begeistert. Draeseke fand für die Uraufführung also beste Bedingungen vor.

Staatstheater CottbusDraeseke bezieht Klavier und Orchester aufeinander, wobei es ihm um eine Vielfalt des Miteinanders zu gehen scheint. Im ersten Satz finden Soloinstrument und Tutti erst allmählich zueinander, im zweiten Satz dominiert das Klavier, während im dritten eine Gleichberechtigung zwischen beiden Partnern erreicht wird. So gesehen spielt Draeseke kunstvoll mit den unterschiedlichen Möglichkeiten des Konzertierens. Vielfalt und Entwicklung (zum Verklärten im 2. Satz, zum Miteinander in der Gesamtform) – es scheint, als könne man mit diesen beiden Begriffen die „Idee“ des Werkes umreißen.

© Bernhard Lenort/Staatstheater Cottbus 2004

Read Erich Roeder on Draeseke's Piano Concerto from the Heinz Ebert Archives

The score to Draeseke's Piano Concerto in E-flat, op 36 is available on line.
Draeseke's Piano Concerto on CD:
  Hyperion cover

Hyperion CDA67636 [CD]
Piano concerto in E flat major, Op. 36 (also contains two piano concerti by Salomon Jadassohn)

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin conducted by Michael Sanderling,
Markus Becker [piano]

 

Click to go to Draeseke discographyMDG 335 0929 [CD]
Symphony No. 1 in G major, Op. 12
Piano concerto in E flat major, Op. 36

Wuppertal Symphony Orchestra, conducted by George Hanson, Claudius Tanski [piano]

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